“Mit den Lungenflügeln fliegen” – Annika Reich

Aus dem Katalog der Ausstellung "Wanting the real" Galerie Michael Schultz, 2011

Und durchwandert malend genau dieses Zwischenreich – dem Leben auf der Spur. Zwischen innen und außen sind alle Bewertungen und Trennungen obsolet, die Welt wird durchlässig, befindet sich in einem ständigen Austausch. Einatmen, Ausatmen. Die Lungenflügel des Königs. Die großen Themen: Leben und Tod, Liebe und Frieden, Heimat und Heimatlosigkeit können sich entfalten, ohne sich auf eine Seite schlagen zu müssen.

Spur kommt von Spüren. Und das Spüren ist ein körperliches Vermögen, das den Sinnen traut und die Herrschaft des Sinns unterbricht. Wir spüren über die Haut, dem Organ, das gleichermaßen innen wie außen ist. Dietmar Kamper hat den Spürsinn der Haut einmal als Einbildungskraft bezeichnet. Wenn dem so ist, dann sind Rebecca Raues Bilder sanfte Einbildungskraftwerke; denn das körperliche Denken der Einbildungskraft leuchtet aus jeder ihrer Schichten heraus, es funkelt aus den Ecken, den neonfarbigen Schlitzen, den Farbschraffuren hervor; und es gibt dem Raum Ruhezonen, Zwielichter, Freiräume, in denen das Leuchten sich wandeln kann.

Dieses Denken widersteht dem feststehenden, einordnenden, ausschließenden Entweder-Oder, es lässt es als Illusion auf den Grund eines leuchtend blauen Sees sinken und zeichnet einen Zaun drum herum, der nur das eine Ufer begrenzt und – kippt man den Blick – wie eine Leiter funktioniert: hinaus, hinaus. Aus der Begrenzung wird eine Verlockung, sich mit allen Sinnen auf das Andere einzulassen. Jedes Bild ein Wagnis, jede Linie, jeder Pinselstrich ein Brückenschlag ins Ungewisse. Wenn man sich auf dieses Wagnis einlässt, wird man beschenkt: denn genau in dieser Ungewissheit liegt die Zuversicht. Ein Geschenk – vom Elefanten gebracht?

In dem Zyklus Wanting the real sind alle Leinwände schwarz grundiert. Sie loten damit von Anfang an eine Tiefe aus, steigen aus ihr auf und versenken sich in ihr. Paul Celan hat geschrieben: Doch konnten wir nicht / Hinüberdunkeln zu dir: / Es herrschte Lichtzwang. Und um dieses Hinüberdunkeln zu dir geht es auch. Wer auch immer du bist, oder noch eher: wer auch immer du sein wirst. Ich leuchte dich nicht aus, ich suche dich in deinem Geheimnis, du darfst anders werden. love.

Die Bilder schauen also von innen nach außen, begegnen dem Blick, der von außen in ihrer Tiefe nach Resonanzen sucht, und suchen zurück. Sie sind nie selbstbezüglich, weisen über sich hinaus – über den Rand der Leinwand, des Selbst, der Welt. Horizontal, aber auch vertikal. Als Palimpseste übermalen und überschreiben sie sich selbst. Aus Tanken wird Tanzen, room wird durchgestrichen und erneut daneben geschrieben. Das ist der Spürsinn, der im Raum stattfindet. Bedeutungen werden abgetastet, in der Schwebe gehalten, beweglich belassen. Vielfache Übermalungen, die nichts über-malen, sondern den Prozess des Nachspürens oder auch Vorspürens zeigen. Spuren sind Spüren.

Das Reale liegt in der Produktion, in der Tätigkeit und nicht im Begriff, hat Roland Barthes über Cy Twombly geschrieben. Das gleiche gilt für Rebecca Raues Bildwelten. Wanting the real? Vielleicht ist das Wirkliche das Mögliche, das, was geschieht, wenn man sich auf die Welt einlässt. Das Wirkliche ist die Veränderung, die den Horizont vor Augen hat, das treibende Moment. Blau-schwarz. Olivgrün-schwarz.

Farben sind hier Ereignisse. Sie stehen dafür, dass jede Erfahrung anders ist als die vorangegangene. Farben sind in ihrer Bedeutung nicht zu bestimmen. Sie sprechen direkt an, aber sie erklären sich nicht. Das Nebeneinander von Farben und Figuren in Rebecca Raues Bildern zeigt die unaufhebbare Verknüpfung von Bestimmbarem und Unbestimmbarem, von Leben und Tod, von Ort (Heimat) und Ortlosigkeit und von der Schwerkraft, die Leichtigkeit braucht, um magnetisch zu bleiben. In ihren Bildern gibt es diese Anziehungskräfte zwischen den Ebenen. Die Farben halten sich so gegenseitig. Magnetismus statt Semantik.

Die Bilder zeugen vom Mut zur Veränderung, der gerade darin zu liegen scheint, das Wollen zu ändern. Nicht mehr so zu wollen, wie es die Herrschaft des Sinns will, sondern eher so zu wollen, wie es in einem aktiven Lassen geschieht. …becoming a bird, that dares to walk steht unter einer Schicht geschrieben – nicht mehr sichtbar, aber immer noch da.

Vielleicht ist es das, was die Bilder wollen: Die Welt schonen. Schonen heißt nicht Schönen im Sinne von Übertünchen, sondern mit den Problemen dieser Welt anders umzugehen. Rebecca Raues Weltwahrnehmung schönt die Probleme nicht, stellt sich ihnen aber auch nicht entgegen, sondern besänftigt sie, schenkt ihnen eine absichtslose Achtsamkeit.

Auf einem Bild des Zyklus (unable to really see inside) sind Beuys Worte hundertfach abgeschrieben und zu großen Teilen übermalt: Die Materie erreicht man nur, wenn man den Tod erreicht. Doch der Tod ist hier kein Ende, sondern das Wissen darum, dass wir sterben können müssen, um leben zu können, um das Leben nicht sterben zu lassen. Die gefüllten und ungefüllten Kringel oder Blasen, die über viele der Leinwände schweben, scheinen kurz vor dem Platzen – die rasante Schönheit des Einmal und Niewieder. Und so sind Rebecca Raues Bilder ein Beharren auf der eigenen Körperlichkeit mit ihrem Leid und ihrer Sterblichkeit, aber auch mit all ihren Genuss- und Rauschfähigkeiten, eine Bewegung ins Leben. alive. a dream.