“Schriftbilder vom atmosphärischen Raum” – Dr. Hans-Jörg Clement

Aus dem Katalog der Ausstellung "Zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg" in Berlin, Dezember 2004

Eine junge Frau nimmt sich vor, ein Buch zu schreiben; sieben Stunden lang, ununterbrochen – nicht ganz: Alle sieben Minuten macht die Schreibende mit dem Fotoapparat ein Selbstporträt. Es entsteht das Bild(er)protokoll eines Schreibprozesses. Die protokollierenden Fotos und die kreativen Worttiraden zeugen nach einer gewissen Zeit von Entleerung und Erschöpfung. Die Verausgabung mutiert zu einer existenziellen Entäußerung, führt zu einer Freisetzung. Wo Erschöpfung einkehrt, greift schöpfend etwas neues Platz: „Es gab keine Worte mehr, die das, was in mir war, widerspiegeln konnten. So begann ich zu zeichnen. Zeichen, die von der Schrift kommen, die gleiche Schnelligkeit haben und doch etwas, was nicht mit einem Wort sagbar ist, ausdrücken.“ In diesem Moment entstehen im engsten Sinne des Wortes: Schriftbilder, ebenso zwanghaft wie selbstverständlich. Das war 1999.
Mit ihren Arbeiten, die in der großen Soloschau „zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg“ in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin und dem vorliegenden Katalog gezeigt werden, greift Rebecca Raue heute auf diese Erfahrung der Entleerung zurück, schreibt Schriftbilder und malt Bildschriften, entwickelt ein Instrumentarium, das es ihr ermöglicht, das Amalgam aus Schrift und Bild als ihre exklusive Ausdrucksform zu entdecken. Und in der Tat: Was nur all zu oft in der Bildenden Kunst als banal und überambitioniert didaktisch scheitert, gelingt Rebecca Raue mit größter Leichtigkeit und prononciertem Selbst-Bewußtsein. Hier geschieht sie ganz von selbst: Die Verbindung von Bild und Wort. Zeichnung und Schrift zusammen zu bringen, ohne dass die Worte beschreibend, die Zeichnung bebildernd ist, ist seither meine Arbeitsweise.“ In der Gewissheit, hier ein neues Ausdrucksmittel nicht ge-, sondern erfunden zu haben, überführt die Künstlerin die von ihr als Arbeitsweise beschriebene Formsprache in eine Spielweise, die eine Ästhetik der Kindheit zitiert, sowohl technisch als auch poetisch aber so aufgeladen wird, dass sich eine Anmutung von hoher suggestiver Kraft einstellt. In mehrfacher Hinsicht eine erstaunliche, reife Handschrift: souverän im malerischen Duktus, unaufdringlich in der textlichen Poesie und körperlich im Gestus.
Der Blick in die Kunstgeschichte zeigt ein weites Spektrum der (versuchten) Verbindungen aus Schrift und Bild. Sie reicht von den Vasen der griechischen Antike bis zu Jenny Holzers digitalen Schriftbändern, Lawrence Wieners Wand- und Bruce Naumanns Neonschriften, von der funktionalen Identifikation und Beschreibung von Personen, Orten oder Sachverhalten über den Versuch der inhaltlichen Akzentuierung des Bildgegenstandes bis hin zu kompositorischen Aspekten, die wiederum am Ende im gestalteten, plastischen Wort ihre Klimax finden. Bei Rebecca Raue vollzieht sich viel von dem – und doch ungleich mehr. Hier vereinen sich Buchstabe und Wort, Schrift und poetischer Gehalt mit dem Bild und entwickeln in dieser Verbindung wie in einer ausgefransten Assemblage eine ganz neue überraschende Potenz, die – wenn man denn den kunstgeschichtlichen Rekurs nicht vermeiden will – am ehesten noch bei Miró anknüpft, den Faden aber schnell und locker weiterspinnt. Die Meisterschülerin von Rebecca Horn kommt – unverkennbar – aus der Performance. Körperlichkeit, Bewegung und Rhythmik sind allen gezeigten Arbeiten zu eigen. Auch die Worte haben gestalterische Funktion und gewinnen plastische Form. Gleichwohl kommt es zu keinem Verschwinden des Bildes. Schrift, Zeichnung und Malerei gehen eine geheimnisvolle Allianz ein, die den Arbeiten das Rätsel nicht nehmen, sondern neue, überraschende Dimensionen erschließen. Rebecca Raues Bilder haben das Delikate der archaischen Inschriften, der antiken Fresken und Vasen und zugleich die Modernität einer ganz neuen Annäherung an die Malerei. Die Künstlerin ermöglicht dem Betrachter die Begegnung mit einer tatsächlich ausgesprochen(en) visuellen Poesie. Die erzählenden Schriftbilder speisen ihre Kraft aus einer hoch artifiziellen und zugleich so authentisch wirkenden fragmentarischen, kryptischen Brüchigkeit, die auf eine verletzliche – im Sinne einer kostbaren – Herkunft schließen lässt. Anders ausgedrückt: Die Arbeiten von Rebecca Raue sind zwischen Zartheit und Entschlossenheit von großer Finesse. Stärke und Fragilität koalieren hier auf semantischer wie formaler Ebene. Die Spannung aus Oberfläche und Tiefe machen die Arbeiten zu einem Erlebnis.
Die ursprünglichste Form der Kunst ist der Traum, heißt es: Verrätselte Bilder, beziehungslos und voller Bezüge zugleich, elliptische, kryptische Texte, so introspektiv wie ausholend, das Denken dessen, was möglich wäre, die Illusion einer ganz anderen Wirklichkeit, das ungewisse Gefühl von dem, was wahrhaftig sein könnte. „(…) Farben schleichen langsam durch die Straßen. (…) ich träume viel. Ob diese Träume noch in mir sind? Wo verstecken sie sich. Ich kenne nur die, die ich aufgeschrieben habe. Aber vielleicht sind sie im Außen.“ Die Anverwandlung des Außen ins Innen, das vorsichtige Umkrempeln des Innen nach Außen; hier stürzt es nicht im kitschigen Gefühlstaumel ab, sondern wird zum Glücksfall. Die Texte begleiten die Bilder in einem sehr zuwendenden, innigen Sinn, wie geheimnisvoll Verbündete, deren gemeinsame (!) Sprache wir zu verstehen glauben und die sich für uns weder bildlich noch sprachlich, sondern emotional erschließt. Darin liegt das Geheimnis der Arbeiten von Rebecca Raue, die – als würde man ein Märchenbuch aufschlagen – ganze Welten projizieren, zwischen Nähe und Ferne, der Gang der Künstlerin dabei von traumwandlerischer Sicherheit. Ob die Figuren mit den Texten korrespondieren (wie bei Miró) oder nicht (wie bei Magritte) spielt dabei eine völlig untergeordnete Rolle. Die bildsprachliche Qualität, die Rebecca Raue erschließt, ist eine phantastische, weil sie das entgrenzende Wesen der Phantasie voll ausschöpft, für sich und den Betrachter.
Im Gesamtplan des neunzehnbändigen literarischen Projekts „Die Geschichte der Empfindlichkeit“ von Hubert Fichte heißt es: „Der ganze Roman fasst sich selbst unten an die Seite und blättert um“. Das Motiv der Reise scheint ein inhaltlich wie formal entscheidender Impetus für die Arbeit von Rebecca Raue zu sein, das sich wiederholende Spiel aus Aufbruch und Neubeginn zum Zeitpunkt der vermeintlichen Ankunft, das Vorantreibende, vom Staunen und Lernen motivierte Suchen, kurz nach dem Innehalten. Die hier vorgestellten Arbeiten kommen einer Reise nahe, ohne dass der vorgeschlagene Verlauf – in der Abfolge der Werke im Rahmen der Ausstellung oder in der Lesart jedes einzelnen Bildes – der exklusiv mögliche wäre. Der Pfad, dem hier gefolgt wird, lässt sich nicht als eine zusammenhängende, sich systematisch erschließende Strecke abschreiten, der dem Ziel siegessicher zuliefe. Eher kommt der Pfad ausgelegten Spuren gleich, die auch einmal überraschend enden, und Umwegen, deren Sinn sich nicht auf Anhieb erschließt. Belebt wird hier der Gedanke einer Bildungsreise, die unterschiedlichen Impulsen folgt, aber immer Vertrautes zu Unbekanntem in Korrelation setzt und auf diese Weise Identität ahnen lässt – das Bilden des Ich. „Und betrachtet sich selbst“ heißt es, „wenn die Elefanten reisen Komm ich mit!“ und: „zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg.“ Der Blick nach vorn ist daher auch immer ein Blick, der das Vergangene mitsieht, oder – wie es in einer der Arbeiten heißt -: „das Wesen der Erinnerung“. Es geht demnach um die Frage der Verortung, einer Heimstatt, die nicht als Fixum gedacht wird, sondern sich im Prozessualen wiederfindet. Interessanterweise steht dabei die egozentrische Introspektion nicht im Mittelpunkt. Fast sind die Begegnungen mit dem Ich, die der forschende Gestus evoziert, immer kleine Überraschungen – am Wegesrand. Es ist ein Spezifikum des Ansatzes von Rebecca Raue, dass es trotz der hohen kontemplativen Kraft, die die Arbeiten auszeichnet, zu keiner wirklichen Ruhe im Sinne eines Endpunktes kommt. Das, was sich vielleicht als Identität bezeichnen ließe, erschließt sich auf dem Weg und nicht an einem wie auch immer zu bezeichnenden Ende. Vielleicht ist es ein persönliches, aber uneitles Reisetagebuch, das wir hier lesen dürfen und das schließlich zu unserem eigenen wird – vorläufig.
Das Werk von Rebecca Raue hat immer Bewegung und Richtung, eilt aber nicht davon, sondern eratmet sich seinen Raum. Die Titel der einzelnen Arbeiten, egal in welcher Phase des Schaffens, verweisen darauf: „Indien, die Füße kennen den Weg“, „Gedankenwege“, „ankommen – essen in stille“. In diesem Stadium nun, dem sich diese Zusammenschau widmet, entstehen gestaltete oder geschriebene „Landschaften“, die einen ebenso zeitlichen wie räumlichen Erfahrungshorizont ansprechen, wie sie diesen auch überhaupt erst entstehen lassen – ihn ausschreiben, in zeichnerischer Geste, Zeichen gebend; richtungsweisend. Die Zeichnungen wirken zeichenhaft über sich hinaus, ignorieren in der formalen Umsetzung der ausholenden Geste die Blattbegrenzung, die Ränder der großformatigen Kartons oder Pappen und greifen gleichsam in den Raum hinein, subtil, fast unmerklich. In der Berliner Version der Arbeit „Ankommen“, die im Kontext des Pilgerns der Rebecca Horn-Klasse in Santiago de Compostella entstand, ließ Rebecca Raue noch die Wandzeichnung durch ihre Ausdehnung auf den Fußboden unmittelbar in den Raum eingreifen. Das Aus- und Eingreifen des Bildes ist auch der Grund dafür, dass das sichtbare Bild (oder Motiv) sich für den Betrachter nicht im Ansehen erschöpft, sondern in dessen Auge neue und andere Bilder entstehen lässt. Auch der Betrachter also bleibt in Bewegung.
Rebecca Raue arbeitet in der Regel ohne Vorlagen, sondern nimmt auf das vor ihr ausgebreitete Werkzeug – Kohle, Buntstifte, Tinte, Kreiden, Papiere – intuitiv Zugriff. Beliebig und eruptiv kann man die Arbeiten gleichwohl nicht bezeichnen; im Gegenteil: Sie sind von klarer Komposition und bestechender Präzision, auch in der Auflösung der bildnerischen und sprachlichen Syntax. Die Leichtigkeit des Duktus, dem zeichnend-malenden wie dem schreibenden, findet ihre Entsprechung in der Leichtigkeit des Trägermaterials, das ebenso schlicht wie delikat ist. Die hohe Sinnlichkeit (und Emotionalität) der Arbeiten wird auf diese Weise noch einmal besonders betont.
Das Werk von Rebecca Raue macht deutlich, dass trotz aller Fragmentisierung und trotz (der Entlarvung) nomineller Orientierungsmuster Welt in ihrer Ganzheit nur zu erahnen, punktuell aber doch existentiell erfahrbar ist – im Moment des Bei-sich-Seins, auch wenn dieses ganz weit weg ist. Dies geschieht nicht in der ultimativ-finalen Erkenntnis am Ende einer naiven Sinnsuche, sondern im Prozess einer forschenden, reisenden Be- und Erschreibung von Welt, die sich aus einer äußeren (beobachteten) und einer inneren (kreativen) verschichtet. Fast gewinnt man den Eindruck, dass hier die Suche nach einem (je individuell) verlorenen Bild aufgenommen wird.
Rebecca Raue findet es wieder…….im und als atmosphärischen Raum.
Dr. Hans-Jörg Clement, Kurator
Leiter Kultur, Konrad-Adenauer-Stiftung